Zivilcourage

1. Alles 3. Mein Lebensalltag 3.1. Motivation und Erfreuliches

Mein erster Beitrag handelt von Zivilcourage. Etwas, was ich mir nicht mehr zugetraut habe.

Wie oft quälte mich die Vorstellung, Zeugin einer Straftat bzw. Gewalt zu sein und nicht helfen zu können, weil ich wirklich schwerbehindert bin. Wie soll ich helfen? Schon eine zaghafte Berührung löst bei mir Schmerzen oder gar Krämpfe aus. Was also soll ich im Fall der Fälle ausrichten?

Das war mir heute Nacht wohl egal. Um ca 04:00 polterte es im Haus und ich hörte eine Frau laut schreien. Da war keine Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, in wie weit ich helfen kann. Ich stolperte schlaftrunken in meine Hosen hinein und torkelte die Treppen runter zur Tür, hinter der noch immer eine Frau am Schreien war.

Was mich wahnsinnig freute, war, dass ich nicht alleine aufgetaucht bin. Ein junger Mann kam dazu, ich war also nicht die Einzige, die einer scheinbar misshandelten Frau zu Hilfe kommen wollte.

Ich klopfte, zwei junge Herren öffneten die Tür. Daneben zwei Frauen, die völlig aufgelöst waren. Die Personen innerhalb der Wohnung verstanden kein deutsch, nur englisch. Anders als ich, die bei der englischen Sprache ins stottern kommt, beherrschte der couragierte junge Mann neben mir die englische Sprache perfekt.

Ich hatte mein Telefon in der Hand, bereit die Polizei zu rufen, doch das tat nicht Not.

Es stellte sich nach und nach heraus, dass die Frauen betrunken waren und selbst randalierten. Die beiden jungen Männer waren komplett hilflos, verunsichert und schienen eher Hilfe zu brauchen, als die Damen.

Ich ging auch rein und überzeugte mich von dem Geschehen, indem ich das Gespräch mit den Frauen suchte. Doch im Grunde wäre das gar nicht notwendig gewesen. Ich weiß, wann Männer schauspielern oder versuchen, etwas auf die Frau zu schieben, um von sich selbst abzulenken. Genauso weiß ich, wann jemand wirklich hilflos und verzweifelt ist.

Diese beiden jungen Männer, die ich vor mir sah, standen kurz davor, selbst in Tränen auszubrechen.

Eine halbe Stunde haben wir uns vom gewaltfreien Geschehen seitens der Männer überzeugt. Dann ging ich nach oben, konnte aber nicht mehr schlafen. Ich war aufgelöst und machte mir einen Kaffee, den ich auf dem Balkon trank. Die beiden Männer saßen unten vor dem Fenster, ich selbst befand mich in der ersten Etage. Ich konnte die beiden also hören und sehen, wie sie versuchten etwas zu fassen, was nicht fassbar war.

Spätestens in diesem Moment war ich mir zu 100% sicher: Nicht die Frauen benötigten die Hilfe, sondern tatsächlich die Männer.

Als ich mich dann doch noch mal versuchte hinzulegen, wurde mir bewusst, was ich getan hatte. Die Wohnung war frisch vermietet, die Mieter waren mir also völlig fremd. Doch ich habe nicht überlegt. Ich bin auf eine Form der Gewalt zugegangen und wollte ungeachtet meiner eigenen Behinderung eingreifen.

Als mir das bewusst wurde, fühlte ich mich nach einer sehr langen Zeit das erste mal wieder vollwertig und stark. Ich bin nicht behindert, wenn es darauf ankommt. Das zu wissen, ließ mich lächeln, auch wenn das Lächeln kein wirklich frohes Lächeln war.

Warum hatte ich den Männern eigentlich keine Hilfe angeboten?

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